Next Rembrandt

Wie kreativ ist künstliche Intelligenz? - Von Next Rembrandt, Daddy's Car und einem Horrorfilm

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Letzte Aktualisierung: 19.07.2026

Im April 2016 wird in Amsterdam ein neues Gemälde enthüllt. Ein Mann zwischen dreißig und vierzig, Bart, dunkle Kleidung, weißer Kragen, ein breitkrempiger Hut, der Blick leicht nach rechts gewandt. Aus einigen Metern Entfernung würde kaum jemand daran zweifeln, einen echten Rembrandt vor sich zu haben. Nur ist der Maler seit 1669 tot.

Das Bild trägt den Titel „The Next Rembrandt". Ein Team aus Datenwissenschaftlern, Kunsthistorikern und Ingenieuren hat 346 Gemälde des niederländischen Meisters digitalisiert, mit Gesichtserkennung und Deep-Learning-Algorithmen ausgewertet und daraus ein völlig neues Motiv errechnet, zusammengesetzt aus mehr als 168.000 Fragmenten seines Gesamtwerks. Anschließend trug ein Drucker die Farbe in dreizehn Schichten UV-Tinte auf, um selbst die Textur der Pinselstriche nachzubilden. Am Ende entstand ein Bild, das keine einzige Linie enthält, die Rembrandt selbst gezogen hat, und trotzdem aus nichts anderem besteht als aus seinem Werk.

Ist das Kreativität? Für ein Feuilleton wäre das eine hübsche Frage für ein Wochenendessay. Für alle, die beruflich mit Kommunikation, Design oder Content zu tun haben, ist sie inzwischen ziemlich praktisch geworden.

Eine Definition mit vier Bedingungen

Um die Frage nicht nur aus dem Bauch heraus zu beantworten, lohnt ein Blick in die Kreativitätsforschung. Mark A. Runco und Garrett J. Jaeger von der University of Georgia haben 2012 versucht, die vielen konkurrierenden Definitionen von Kreativität auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Ihr Ergebnis wird seither oft als „Standard-Definition" zitiert:

„Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist." Mark A. Runco, Garrett J. Jaeger, Creativity Research Journal, 2012

Vier Bedingungen stecken in diesem einen Satz. Kreativität ist zunächst eine Fähigkeit, so wie Brotbacken oder Gitarrespielen eine Fähigkeit sind. Sie erschafft außerdem etwas, eine Idee allein reicht nicht, sie muss Form annehmen. Das Erschaffene muss neu oder originell sein, darf also nicht bloß wiederholen, was es schon gibt. Und es muss brauchbar sein, in dem Sinn, dass sich jemand damit befassen kann.

Auf „The Next Rembrandt" angewendet, wird es interessant. Neu ist das Bild zweifellos, kein Museum besitzt dieses Motiv. An der Brauchbarkeit gibt es ebenso wenig zu zweifeln, das Projekt lief 2016 durch Nachrichten und Feeds auf der ganzen Welt. Unbequem wird es bei der ersten Bedingung. Hat ein Algorithmus eine Fähigkeit? Die Menschen, die ihn programmiert haben, ohne Frage. Die Software selbst folgt Wahrscheinlichkeiten in einem Datensatz. Nach der Definition von Runco und Jaeger ist „The Next Rembrandt" damit streng genommen keine Kreativleistung der Maschine, sondern eine sehr kunstvolle Rekombination. Wer eine andere Definition zugrunde legt, kommt womöglich zu einem anderen Ergebnis. Das ist keine Ausflucht. Die Antwort hängt weniger von der Technik ab als davon, welchen Maßstab man anlegt.

Auch Musik und Film bekommen ihre KI-Version

„The Next Rembrandt" ist 2016 kein Einzelfall. Im selben Jahr veröffentlicht das Sony Computer Science Laboratory in Paris den Song „Daddy's Car", komponiert von einer Software namens Flow Machines. Rund 13.000 Musikstücke füttern das System, bevor es Melodie und Harmonie im Stil der Beatles vorschlägt. Ein Mensch, der französische Musiker Benoît Carré, arrangiert daraus den fertigen Track und schreibt den Text.

Fast zeitgleich bringt 20th Century Fox den Trailer zum Horrorfilm „Morgan" heraus, geschnitten mit Hilfe von IBM Watson. Watson hat zuvor rund hundert Horrorfilm-Trailer analysiert und daraus gelernt, welche Bild- und Tonmuster Spannung erzeugen. Aus dem fertigen Film wählt das System die zehn stärksten Momente aus. Am Ende sitzt trotzdem ein Mensch am Schnittplatz und bringt die Auswahl in eine Reihenfolge, die als Trailer funktioniert.

Ein System bekommt in allen drei Fällen sehr viel Material aus einem bestehenden Werk vorgesetzt und lernt daraus Regeln. Am Ende steht etwas, das wie eine eigene Schöpfung wirkt, obwohl kein einziges Element davon neu erfunden wurde.

Wo die Grenze heute verläuft

Wissenschaft und Technik machen in diesem Bereich große Fortschritte, so viel lässt sich schon jetzt sagen. Ob daraus irgendwann tatsächliche maschinelle Kreativität wird, im Sinne von Runco und Jaeger, bleibt offen. Die Fähigkeit, die am Anfang ihrer Definition steht, ist genau der Teil, den bisher kein System für sich beanspruchen kann.

„The Next Rembrandt" bleibt deshalb, was es ist: ein Bild, das aussieht wie ein neuer Rembrandt und doch aus nichts anderem besteht als aus den 346 echten. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis des Projekts. Nicht, dass eine Maschine malen kann wie ein alter Meister, sondern wie viel von dem, was wir für Originalität halten, in Wahrheit gut gemischte Wiederholung ist.

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Stephan Göckler
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